Heimatstadt aus neuem Blickwinkel

Michelle Stöckl (Universität Trier)

Die Triererin Iovina erinnert sich an den Tag, an dem ihre Großmutter ihr ihre Heimatstadt aus einem neuen Blickwinkel gezeigt hat.

„Ich vermisse die Farben.“

Das hatte ihre Großmutter gesagt. Iovina legte ihren Kopf schief und wunderte sich wieso. Farben gab es doch überall. Auf dem Forum, die Kleidung der Leute, die alten Statuen oder die Schilder der Handwerkergilde an ihrem Gebäude. Ihre Großmutter schüttelte jedoch den Kopf mit einem traurigen Lächeln und deutete auf die leeren Mauern. „Hier gab es mal Bilder an den Wänden und den Böden,“ erklärte sie, „bunte Muster, Bilder aus Geschichten, sie bestanden aus kleinen Steinchen, die man aneinandergereiht hat, Mosaike.“ Iovina staunte, denn die Mosaike, von denen ihre Großmutter sprach, hatte sie noch nie gesehen, obwohl sie schon fast überall in der Stadt war.

„Wirklich? Das klingt so schön! Warum sind sie weg?“

„Weil die Stadt sich verändert hat,“ antwortete ihre Großmutter, „hier, lass es mich dir zeigen.“ Die Großmutter nahm ihre Hand und führte sie vom Forum zu einer der Hauptstraßen. Während sie das Mädchen an Gebäuden vorbeiführte, erzählte sie ihr deren Geschichten. Da war mal einer Töpferei, die es nun nicht mehr gab, das Haus nun verlassen; dort lebte einst eine Familie, die aus Griechenland kam. Ja, es gab mal eine Zeit, in der Händler aus aller Welt ihre Ware in die Stadt brachten und manche von ihnen blieben. Nach einer Weile hielten die beiden an. Iovina kannte diesen Abschnitt der Stadt nur vage, da sie nicht oft hier war. Sie wusste aber, dass der Weg vor ihnen aus dem belebten Teil der Stadt herausführen würde, so etwas in der Art hatten ihre Eltern gesagt. Ihre Großmutter hielt inne, schüttelte dann ihren Kopf und drehte wieder um. „Es gibt noch einen Ort, den ich dir zeigen möchte,“ meinte sie und führte Iovina zurück.

Sie kehrten diesmal aber nicht zum Forum zurück, sondern bogen Richtung Osten ab und kamen zu  einem massiven Bauwerk. Die Außenmauern waren riesig, mit großen, bogenförmigen Fenstern, die die Höhen von ganzen Zimmern einnahmen. Zumindest galt das für die Fenster, die noch nicht zugemauert waren. Iovina kannte dieses Gebäude als Wohnturm. Ihre Großmutter jedoch noch als etwas anderes. „Das sollte mal ein großer Ort werden,“ meinte sie, „der Kaiser hat den Bau in die Wege geleitet, ein großes Bad wollte er haben.“ Iovina machte große Augen, als sie das hörte. Nur wieso, fragte sie sich, wurde es dann nicht dafür benutzt? Solange sie sich erinnern konnte, ist der Ort eine Baustelle gewesen. Auch jetzt noch sah Iovina aufgestapeltes Baumaterial an der Straße entlang: Mauerziegel, Kies und Kalk. Die Mauern waren überwuchert, Grün hatte sich über die leeren, unvollständigen Oberflächen des Steines gelegt. „Wieso wird es dann verändert?“, fragte Iovina schließlich. „Weil sie es aufgegeben haben,“ antwortete ihre Großmutter, „nicht nur das Bad, uns alle.“ – „Sie? Wer sind sie?“ – „Dies war einst die Stadt des Kaisers,“ erklärte ihre Großmutter, „er und seine Familie lebten hier. Er und seine Amtsleute hatten versprochen, die Stadt erstrahlen zu lassen. Doch dann gab es Probleme im Reich und diese Stadt war für den Kaiser plötzlich nicht mehr wichtig.“ Diesmal klang die Stimme ihrer Großmutter verbittert. „Sie haben die Stadt zu Grunde gehen lassen. Sie haben die Farben genommen.“ Dass es mehr als nur die Farben waren, das war für Iovina als Kind noch so schwer zu verstehen. Alles was sie in diesen Moment verstand war, dass ihre Großmutter traurig war und dies nicht so sein durfte. Aber sie kannte diese Stadt, und auch wenn sie jetzt verstand, warum ihre Großmutter traurig darüber war, dass sie sich verändert hat, dies war immer noch Iovinas Zuhause. Und sie liebte es. „Ich könnte dir Blumen bringen,“ versprach sie ihrer Großmutter. Auch wenn sich alles verändert, sie hatten noch immer einander. Ihre Großmutter lächelte und drückte ihr sanft die Hand.

Abb.: Kaiserthermen, Trier (Berthold Werner – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4379560)

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