Barbaren – Rom geht zu Grunde

Hippolyte Weiland (Université du Luxembourg)

John William Waterhouse (born Rome 1849, died London 1917)
The Favourites of the Emperor Honorius, ca. 1883, Holland Road, London
Öl auf Leinwand © South Australian Government Grant 1883, Art Gallery of South Australia, Adelaide, 0.52

Rom geht zugrunde

„Wie man sich erzählt, meldete damals in Ravenna ein Eunuche, offenbar ein Vogelwärter, dem Kaiser Honorios, dass Rom zugrunde gegangen sei. Und der Herrscher soll mit lauter Stimme gerufen haben: ‚Aber es hat doch erst jüngst noch aus meinen Händen gefressen!‘ Der Kaiser besaß nämlich einen sehr großen Hahn namens Rom(a). Als nun der Eunuch dies hörte, erklärte er, die Stadt Rom sei durch Alarich zugrunde gegangen, worauf Honorios erleichtert aufatmete und zur Antwort gab: ‚Ich glaubte, lieber Freund, mein Vogel Rom sei eingegangen.‘ So unwissend soll dieser Kaiser gewesen sein.“

(Prokop, Vandalenkriege, III.2.25-26, Übersetzt von Otto Veh, München 1971)

Rom geht zugrunde! Die Boten, ganz in Weiß, haben keine guten Nachrichten, die sie dem Kaiser Honorius überbringen müssen. So waren sie gar zu viert nach Ravenna, der Residenz des weströmischen Kaisers, gereist, um Honorius mitzuteilen, dass die ewige Stadt Rom von westgotischen Kriegern, von ‚Barbaren‘, eingenommen worden war. Die Situation ist außergewöhnlich und man sieht den Boten ihre Anspannung an. Doch nicht nur die Boten wissen nicht ganz wie handeln: jede einzelne Person im Raum scheint sich des Ernstes der Lage bewusst zu sein. Alle Beteiligten blicken gespannt darauf, wie der Kaiser reagieren würde, und ahnen kein gutes Ende. So halten sich die meisten Beteiligten im Raum weit zurück, und beobachten das Geschehen aus einer sicheren Entfernung. Ganz rechts, im Bildhintergrund, blickt ein Höfling verstohlen auf die Szene.  

Kaiser Honorius ist entsetzt: „Nein! Und doch hat es mir gerade noch aus der Hand gefressen!“, antwortet der Kaiser auf die Nachricht, dass Rom vom Feinde vernichtet wurde. Fragende Gesichter machen die Runde … Ist sich der Kaiser der Tragweite dieser Nachricht bewusst? Die Boten erkennen jedoch schnell, dass der Kaiser den Tod seines geliebten Hahnes, den er auf den Namen Roma taufen ließ, befürchtet hatte. So müssen sie ihm ergänzend mitteilen, dass es die ewige Stadt Rom war, der Ursprung und Nabel der römischen Welt, die geplündert wurde und in die Hände des westgotischen Kriegers Alarich gefallen war. Auf diese Hiobsbotschaft folgt beim Kaiser pure Erleichterung: So ist es also nicht der ach so geliebte Hahn, der gemeint war, sondern nur die Stadt Rom. Kaiser Honorius wird daraufhin von seinen Boten für verrückt erklärt! Doch Honorius scheint das nicht zu stören: er ist umgeben von seinen eigenen gefiederten Soldaten, die ihn von der Außenwelt abschotten, ihn umgarnen und ihm gar aus der Hand fressen. Die Beteiligten im Raum können diesem Geschehen nur ratlos zuschauen und erkennen, dass mit diesem Kaiser kein Staat zu machen ist, dem der Hahn Roma wichtiger ist als die Stadt des Romulus.

Die Boten verlassen den Raum, und hinterlassen einen gescheiterten Kaiser Honorius, der im Dunkeln sitzt und die Realität nicht wahr haben möchte. Es scheint, als wäre ihm die Tragweite der Geschehnisse gar nicht bewusst. Die Vögel bleiben ihm jedoch treu, und geben dem Kaiser in dieser Situation durch ihre Vitalität und ihr Herumtreiben gar Halt. Den Vögeln, die dem gescheiterten Kaiser die Körner aus der Hand fressen, scheinen den Überfall der Stadt Roms und diese surreale Szene, die sich vor ihnen abspielte, nicht zu interessieren: gut gefüttert sind sie bei bester Gesundheit. Sie fliegen um den Kaiser herum und toben sich ungestört aus.

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